"Schalterhalle" Airport (2011)

"Schalterhalle" Airport (2011)

Armer Biologe

9. November 2012

Was machen Reisende in der zollfreien Zone, aus der es kein zurück mehr gibt, trotz sehnlichstem Wunsch, noch hier zu bleiben? Wenn alles zollfrei eingekauft ist, und es heißt zu warten, bis das Flugzeug startklar ist. Lesen, laptopen, reden, schauen, langweilen und Kinderwägen zerlegen.

Das ist die Gelegenheit, mich einzumischen! Das könnte eine gute Story werden? So beginne ich mit Absicht als ob es keine Absicht wäre, meine prall gefüllte Geldbörse hervorzuholen. Als ob es umständlicher nicht gehen könnte, fingere ich im Schneckentempo genüsslich darin herum. Öffentlich an der Börse zu hantieren in diesem Ausmaß, das lockt nicht nur die lustigen Schauer, sondern auch die Armen unter ihnen, die jetzt einem Obolus nicht abgeneigt zu frönen würden.

Groß werden ihre Augen, als es dann so weit ist. Und größer noch ihre Verwunderung, die in ein gemeinsames Lachen ausbricht. Auch mit schnellen, beschämlichen Unterdrückungsversuchen, den Kopf weg zu drehen oder die Hand vor den Mund halten. Die Augen wurden trotzdem groß. Alle waren in meiner Falle, brav ertappt. Yellow Label, die besonders auffälligen, dunkelgelben Teebeutelhüllen, kamen massenweise aus dem Portemonnaie. Die Worte, die nun folgten, las ich ihnen von den Lippen und ebenso Gedankenfetzen deutlich sichtbar in den Auren ihrer Köpfe, waren spielend zu entziffern:

. . . will der jetzt mit Jellow Label zahlen? Nein, er schreibt da hinten drauf. Auf die Geldscheine? Nein, sieh doch, es sind Teesackerl. Der muss aber arm sein. Er hat nicht einmal Papier. Und seine Reisetasche, sie nur, die ist ganz verspritzt mit Farbe. Ein Anstreicher wahrscheinlich, der arme Hund. Ausschauen, tut er aber ganz glücklich. Das war sicher sein erster Flugurlaub! Der ist sicher Biologe und war kombiniert hier, auf der Insel. Das ist ein Schildkröteneierschützer: baden und aufpassen. Ist der braun geworden, der war sicher nie unterm Sonnenschirm. Biologe möchte ich auch nicht sein. Hey, hey, der hat ein Handy, hast du`s gesehen! Ach, das hat heutzutage jeder. Sicher ist das ausgeliehen, wegen seiner Arbeit an abgelegenen Stränden. Ob der Vollpension hatte? Uns ist heuer sogar etwas Urlaubsgeld übrig geblieben. Man muss ja die Kriese bedenken, sicher ist sicher. Der arme Hund, freut sich sicher deshalb so, dass er diesen Job machen durfte. Geh komm, trinken wir noch einen Prosecco vorm`Abflug. Im Flugzeug bekommt man ja nichts Gescheites.

Zakynthos, Text Nr. 37-2, 27.09.2011 (1. Fassung); Dutt. 09.11.2012 (2. Fass.)
Textauszug aus dem Buch "Im Dasein der Sinne" (2012)

 

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